...Sprechen Schweigen
…Speaking Being Silent
Angelehnt an das Thema »Feminismus« des diesjährigen »Labor der Gegenwart 1«, zeigen die »Hamburger Positionen« intersektionale Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart des Kampfes um Selbstbestimmung sowie die soziale und ökonomische Gleichstellung der Geschlechter. Unter dem Druck rechter autoritärer Bewegungen werden aktuell nicht nur in Deutschland Freiheitsrechte, Diversität und Dekolonisierung attackiert: Sprachverbote und die Normalisierung von Gewalt untergraben die Prozesse demokratischer Aushandlung zwischen Mehrheiten und Minderheiten. Gerade das städtische Zusammenleben muss kulturelle Unterschiede aushalten, gegenseitige Akzeptanz zeigt sich da, wo die mal mehr, mal weniger offensichtlichen Regeln einer Gesellschaft bis in die privaten Beziehungen hinein immer wieder in Frage gestellt und neu definiert werden können. Die beiden Programme kombinieren ein vielstimmiges Spektrum dokumentarischer und semi-fiktionaler Kurzfilme mit Filmen aus dem Archiv des NDR. In Programm 2 …SPRECHEN SCHWEIGEN geht es um interkulturelle und -generationelle Verständigung vor dem Hintergrund komplexer Migrations- und Rassismuserfahrungen.
Inspired by the theme of “feminism” in this year’s “Labor der Gegenwart 1,” the “Hamburg Positions” present intersectional perspectives on the history and present of the struggle for self-determination, as well as on the social and economic equality of genders. Under the pressure of right-wing authoritarian movements, not only in Germany are civil liberties, diversity, and decolonization currently under attack: bans on language and the normalization of violence undermine processes of democratic negotiation between majorities and minorities. Urban coexistence in particular must be able to accommodate cultural differences; mutual acceptance becomes visible where the, at times more and at times less obvious, rules of a society can be continually questioned and redefined—extending into private relationships.
The two programs combine a polyphonic spectrum of documentary and semi-fictional short films with works from the NDR archive. Program 2, …Speaking Being Silent, focuses on intercultural and intergenerational understanding against the backdrop of complex experiences of migration and racism.
Einfach
BRD 1966 | Schwarz-Weiss |
05:00 | Deutsch
Einfach
West Germany 1966 | Black & White |
05:00 | German
Claudia von Alemanns erster Film an der Hochschule für Gestaltung Ulm setzt sich mit der Ordnung der Dinge und den damit verbundenen Widrigkeiten des menschlichen Alltags auseinander. Türen öffnen und schließen sich im Flur einer Wohnung, benutzte Teller stehen in der Küche, ein Waschbecken läuft über, eine Schnur wird entworren, ein Bleistift gespitzt, eine Bierflasche und eine Sardinenbüchse geöffnet, ein Ei rollt über den Tisch: Alles ist an seinem Platz oder auch nicht. Während Maschinen präzise Arbeit verrichten, scheitern am Ende zwei Hände beim mehrmaligen Versuch, einen Faden durch ein Nadelöhr zu ziehen.
Claudia von Alemann’s first film at the Ulm School of Design explores the order of things and the associated hardships of everyday life. Doors open and close in the hallway of an apartment, used plates sit in the kitchen, a sink overflows, a string is untangled, a pencil is sharpened, a beer bottle and a can of sardines are opened, an egg rolls across the table: Everything is in its place—or perhaps not. While machines perform precise work, two hands ultimately fail at the repeated attempt to thread a needle.
Teilen
Regie, Script, Editing, Ton:
Director, Script, Editing, Sound design:
Claudia von Alemann
Kamera:
Director of photography:
Reinhard Kahn
(Selection) Die Frau mit der Kamera - Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann (2015), Nachdenken über Film (1989), Das nächste Jahrhundert wird uns gehören (1987), Nebelland (1982), Das Frauenzimmer (1981), Die Reise nach Lyon (1980), Das ist nur der Anfang – der Kampf geht weiter (1969)
Was wissen wir schon von denen? Eine türkische Frauengruppe in Hamburg
BRD 1982 | Farbe |
28:45 | Deutsch
Was wissen wir schon von denen? Eine türkische Frauengruppe in Hamburg
West Germany 1982 | Color |
28:45 | German
»Hier kennen uns viele nur mit bunten Kopftüchern. Aber auch unter diesen Kopftüchern leben Menschen mit Gedanken und Gefühlen«, heißt es in einem Flugblatt, das die Frauengruppe des Vereins für deutsch-türkische Solidarität an ihrem Stand auf der zweiten Hamburger Frauenwoche verteilt, die Anfang März 1982 unter dem Motto »Frauen lernen gemeinsam« an der Hochschule für Wirtschaft und Politik stattfand. Über mehrere Tage beobachtet ein reines Frauenfernsehteam des NDR die Arbeit der Gruppe während der Frauenwoche. Der in der Sendereihe Was tun? ausgestrahlte Beitrag zeigt die islamophoben Klischees, denen Frauen türkischer Herkunft in der westdeutschen Frauenbewegung begegneten, mit dem Ziel, Misstrauen und Vorurteile abzubauen.
»Many people here only know us by colorful headscarves. But beneath those headscarves are people with thoughts and feelings«, reads a flyer distributed by the women’s group of the Association for German-Turkish Solidarity at their booth during the second Hamburg Women’s Week, which took place in early March 1982 at the University of Economics and Politics under the motto »Women Learning Together«. Over several days, an all-female NDR television crew observed the group’s work during Women’s Week. The segment, broadcast as part of the series Was tun? (What To Do?), highlights the Islamophobic stereotypes that women of Turkish origin encountered within the women’s movement in West Germany, with the aim to break down mistrust and prejudice.
Teilen
Regie:
Director:
Barbara Schönfeldt
Kamera:
Director of photography:
Gisela Tuchtenhagen
Editing:
Editing:
Ingrid Lichtenfeld
Ton:
Sound design:
Eva Krüger
(Selection) Zwischen Anpassung und Widerstand (1981)
Ausländertest
BRD 1982 | Farbe |
06:15 | Deutsch
Ausländertest
West Germany 1982 | Color |
06:15 | German
In einem teils satirischen Beitrag für die Extra 3-Sendung vom 7. April 1982 widmet sich die NDR-Redakteurin Navina Sundaram der Mehrheitsperspektive auf das Thema Rassismus. Sie zeigt ein Experiment an der Universität Bremen, das unter der Leitung des griechischen Anthropologen Georgios Tsiakalos nachweisen sollte, dass Fehl- und Vorurteile gegenüber Minderheiten nicht angeboren, sondern anerzogen sind. Muskelspannung, Temperatur und Hautwiderstand einer Probandin werden gemessen, während sie eine Diaschau betrachtet: Bilder von als »ausländisch« markierten Menschen sowie von Schlagzeilen, Plakaten und Graffiti für und gegen Einwanderung.
In a partly satirical piece for the »Extra 3« program broadcast on April 7, 1982, NDR editor Navina Sundaram examines the majority perspective on the issue of racism. She highlights an experiment by the Greek anthropologist Georgios Tsiakalos at the University of Bremen, in which he wanted to demonstrate that misconceptions and prejudices towards minorities are not innate but acquired. A test subject’s muscle tension, temperature, and skin resistance are measured whilst she views a slide show: images of people labelled as »foreign«, as well as headlines, posters and graffiti for and against immigration.
Teilen
Regie:
Director:
Navina Sundaram
(Selection) Amrita Sher-Gil: Ein Familienalbum (2007), Wenn Schiffe sterben (1994), Sommergäste (1983), Meine Stadt, deine Stadt (1976), Darshan Singh will in Leverkusen bleiben (1973), Die Freiheit und ihr Preis (1973), Schwarzer Mann, was nun (1968)
first in first out
Deutschland, Algerien 2019 | Farbe |
26:00 | Deutsch, Arabisch
first in first out
Germany, Algeria 2019 | Color |
26:00 | German, Arabic
»Es ist einfach weg?«, fragt Zacharias. »Einfach alles weg«, antwortet sein in Algerien geborener Vater Mustapha. Doch die Familie vergisst nicht die traumatischen Ereignisse, die sich in das Gedächtnis seiner deutschen Mutter Christiane eingebrannt haben: die Verhaftung, Inhaftierung und Abschiebung ihres Mannes nach Algerien in den 1990ern. Es dauerte Jahre, bis Mustapha nach Deutschland zurückkehren konnte. Er arbeitet als Koch für eine Cateringfirma am Hamburger Flughafen und bereitet manchmal Mahlzeiten für Abschiebeflüge zu. Zacharias begleitet ihn bei der Arbeit mit derselben Kamera, mit der Mustapha früher die Familienurlaube in Algerien festhielt. Der Wunsch des Vaters, einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit zu ziehen, kollidiert mit dem postmigrantischen Selbstverständnis und der Neugier des Sohnes.
»It’s just gone?«, Zacharias asks. »Just all gone«, his Algerian-born father, Mustapha, replies. But the family doesn’t forget the traumatizing events burned into the memory of his German mother, Christiane: her husband’s arrest, imprisonment, and deportation to Algeria in the 1990s. It took years before Mustapha could return to Germany. He works as a cook for an inflight catering service at Hamburg Airport, sometimes preparing meals for deportation flights. Zacharias accompanies him at work with the same camera that Mustapha used for recording family holidays in Algeria. The father’s desire to draw a line under his past collides with the son’s post-migrant self-conception and curiosity.
Teilen
Regie, Kamera, Editing:
Director, Director of photography, Editing:
Zacharias Zitouni
Zaytūn (2024)
Mugabo
Deutschland, Ruanda 2016 | Schwarz-Weiss und Farbe |
06:33 | Kinyarwanda, Englisch
Mugabo
Germany, Rwanda 2016 | Black & White and Color |
06:33 | Kinyarwanda, English
Amelia Umuhires experimenteller Kurzfilm zeigt die Rückkehr einer jungen Frau nach Kigali, der Hauptstadt Ruandas, nachdem sie 20 Jahre im Ausland gelebt hat – eine Reise in eine idealisierte »Heimat«, an einen Ort voller geliehener Erinnerungen. Als Überlebende des Völkermords an den Tutsi während des ruandischen Bürgerkriegs 1994 setzt sich Umuhire mit den komplexen Aspekten von Verlust, Migration und Zugehörigkeit auseinander. In ihrer autodidaktischen Regiearbeit vertritt sie die afro-europäische Erfahrung. Mugabo wechselt von Schwarz-Weiß- zu Farbbildern, von englischem Text zu gesprochenem Kinyarwanda oder Französisch, womit die Umkehrung einer weiteren Migration, eine weitere Vervielfachung der Identität wiedergibt.
Amelia Umuhire’s experimental short film shows a young woman’s return to Kigali, the capital of Rwanda, after living abroad for 20 years, a journey to an idealized »homeland«, to a place full of borrowed memories. Having survived the Tutsi genocide during the Rwandan Civil War in 1994, Umuhire looks at the complexities of loss, migration, and belonging. As self-taught director, she represents the Afro-European experience in her work. Mugabo proceeds from black and white to color images, from English text to spoken Kinyarwanda or French, which represents the reversal of another migration, another multiplication of identity.
Teilen
Regie, Editing:
Director, Editing:
Amelia Umuhire
Kamera:
Director of photography:
Isaac Dusengumuremyi
Music:
Music:
Isang Yun
Ton:
Sound design:
Eugene Safali
(Selection) Plötzlich Kanzlerin (2023), Kana (2020), King Who (2019), Polyglot (2015)